Verhalten bei Wildschweinkontakt

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Der Frühling ist endlich da. Die Sonne scheint, die Pflanzen blühen und die Wildtiere sind wieder mehr zu sehen und bekommen ihren Nachwuchs. Und genau an dieser Stelle muss ich an das letzte Frühjahr denken, in dem mir genau das fast zum Verhängnis geworden ist als ich einer Wildschweinrotte gegenüber stand.

 

Auf einer meiner Wanderungen mit unserem Hund hatte ich mich auf einem kleinen äußerst abgelegenen Waldweg bewegt. Dieser war links und rechts des Weges relativ dicht bewachsen und durch altes Laub an Sträuchern und auf dem Boden konnte man nicht weit schauen. Ich wanderte also auf eben diesem Weg, mein Hund als klassische freiheitsliebende Seele ohne Leine neben mir, als plötzlich von rechts eine Bache mit ihren sieben Frischlingen auf den Weg trat und in meine Richtung starrte. Zwischen mir und dem Muttertier lagen ca. 20 Meter Luftlinie und ich wusste, dass ich bei einem körperlichen Aufeinandertreffen den Kürzeren ziehe. Und mein Hund stellt mit seinen 15 Kilo keine wirkliche Verstärkung dar. Glücklicher Weise blieben alle „Beteiligten“ ruhig: Ich blieb einfach ruhig und entspannt stehen, mein Hund bekam von mir ein kleines Zeichen und blieb auch ohne zu Bellen am Ort und das Wildschwein suchte nach kurzer Einschätzung der Lage mit ihrem Nachwuchs das Weite.

 

Da mein Großvater aktiver Jäger war und mich schon als Kind mit in den Wald nahm, weiß ich wie gefährlich genau solche Situationen sein können. Da sich diese Begegnungen wie beschrieben in nächster Zeit wieder häufen werden habe ich mal ein paar Verhaltensregeln für so ein Aufeinandertreffen zusammengestellt die ich mit euch teilen möchte.

 

Erst einmal sind Wildschweine grundsätzlich sehr friedliebende Tiere und die meisten Wanderer bekommen sie nur sehr selten oder auch nie zu Gesicht. Deshalb sollte man sich bei einer Begegnung erst einmal kurz freuen, dass man dieses Glück hat. Danach sollte man sich ins Gedächtnis rufen, dass die Wildschweine eigentlich Angst vorm Menschen haben. Und diese Angst hat sich über Jahrzehnte gebildet, da der Mensch der einzig verbliebene wirkliche Feind für die Schweine ist. Das zeigt sich auch in der Tatsache, dass Wildschweine von Natur aus tagaktiv sind und nur durch die andauernde Bejagung ihre Aktivität in die Zeit der Dämmerung und Nacht verschoben haben. Zwar ist in den letzten Jahren vermehrt eine Anpassung an die neuen Lebensumstände zu erkennen in deren Folge die Wildschweine immer mehr in städtische Randgebiete oder sogar Stadtparks vordringen und sich dort teils explosionsartig vermehren. Dabei gibt es in manchen Gegenden schon regelrechte Wildschweinplagen, die durch großangelegte Jagden bekämpft werden. Im ländlichen Bereich mit vielen Wäldern und Wiesen, wie dem Erzgebirge, ist diese Entwicklung nicht erkennbar, da die Schweine noch genügend natürlichen Lebensraum vorfinden und sich nicht so stark an die Menschen anpassen müssen. Deshalb trifft man hier, solange man sich auf den befestigten Wanderwegen hält und nicht ins Unterholz kriecht seltener auf die Tiere. Solltet ihr doch auf sie stoßen, kann es nur in vier Fällen gefährlich werden.

 

  • Wenn ihr durch Zufall zwischen eine Bache und ihre Frischlinge geratet. Das Muttertier verteidigt ihre Nachkommen notfalls auch mit dem eigenen Leben. Eine solche Rotte, bestehend aus den weiblichen Wildschweinen und ihrem Nachwuchs kann zwischen acht und 30 Tiere umfassen, wodurch sich teilweise Masseneffekte bilden können die durch die Reaktion (flucht oder Angriff) eines einzelnen Tiers ausgelöst werden können. Früher bekamen die Wildschweine ausschließlich im Frühjahr zwischen März und Mai ihren Nachwuchs. Mittlerweile verteilt sich die Geburtszeit, durch bessere Futtermöglichkeiten wie Felder und menschliche Zufütterung und mildere Winter, fast auf das ganze Jahr. Auch dieses Phänomen ist im Erzgebirge auf Grund geringerer landwirtschaftlicher Nutzfläche und der härteren Winter nicht so stark ausgeprägt.

 

  • Die zweite Gefahrensituation entsteht durch verletzte Wildschweine. Besonders die männlichen Keiler verhalten sich, sind sie durch die Jagd oder durch Autounfälle verletzt, besonders aggressiv. Immer wieder kommt es durch solche angeschlagenen Tiere zu Angriffen auf Menschen. Belastbare Zahlen zur Häufigkeit dieser Angriffe gibt es leider nicht. Aber allein die Zahlen zum Wildschwein an sich zeigen schon welches Gefahrenpotenzial ein solcher Angriff in sich birgt. Bachen wiegen zwischen 40 und 160 Kilo und die Eber schaffen es auf bis zu 250 Kilogramm Lebendgewicht, was bei den hervorragenden „Sprintfähigkeiten“ der Schweine von bis zu 50 km/h zu einer erheblichen Durchschlagskraft führen kann.

 

  • Gefahrenpotenzial entsteht besonders wenn ihr mit Hund unterwegs seid. Da der Wolf ein potenzieller Fressfeind der Wildschweine ist und die Hunde in Form und Geruch noch eine gewisse Grundähnlichkeit mit diesen besitzen (außer meine franz. Bulldogge;) ) werden sie von den Schweinen als Gefahr wahrgenommen. Viele Hunde haben zusätzlich einen erheblichen Jagdtrieb und gehen offensiv und bellend/knurrend auf die auf die Schweine zu. Trifft diese Bedrohung mit einem der anderen Punkte zusammen schalten die Wildschweine meistens auf Angriff und das meist zum Nachteil der Hunde. Glücklicher Weise bildet mein Hund mit nicht existentem Jagdtrieb auch hier eine Ausnahme und kann deshalb frei laufen.

 

  • Außerdem wird es gefährlich wenn man die Wildschweine überrascht. Wer auf den Waldwegen bleibt, an die sich die Wildschweine gewöhnt haben und die sie meiden, geht dieser Gefahr aus dem Weg. Auch die Tageszeit spielt dabei eine wichtige Rolle. Wer sich tagsüber durch das Unterholz kämpft, während die Schweine ruhen, kann sie natürlich auch eher aufschrecken. Andererseits trifft man bei Dämmerung oder einsetzender Dunkelheit auf die aktive Zeit des Wildes. Bei solchen Überraschungen flüchten einige Exemplare und andere greifen an.

 

 

Solltet ihr in einer normalen Situation oder in einer der oben genannten in Kontakt mit Wildschweinen kommen solltet ihr folgende Warnsignale beachten:

 

  • Dass Wildschweine in der Nähe sind, erkennt man an aufgewühlten Stellen am Boden die durch die Nahrungssuche der Tiere entstehen. Ein weiteres Anzeichen sind frische Spuren im Schlamm oder ein sehr intensiver „Scheine“-Geruch. Dieser ist vor allem auf häufig durch die Tiere genutzten Wegen oder in der direkten Nähe des Wildes wahrzunehmen.

 

  • Fühlt sich ein Wildschwein bedroht fängt es laut an zu Schnauben und durch die Backen zu blasen. Ein eindeutiges Warnsignal, das euer weiteres Handeln beeinflussen sollte. Wie ihr euch weiter verhalten solltet erfahrt ihr noch.

 

  • Alarmsignal zwei ist das Aufeinanderschlagen der Eckzähne. Dies wird vor allem durch die männlichen Tiere betrieben. Meist folgt darauf ein Scheinangriff. Das Tier rennt dabei auf den potenziellen Feind zu, um dann kurz vor ihm abzustoppen. Allerdings solltet ihr euch nicht auf dieses Verhalten unter keinen Umständen verlassen.

 

  • Das letzte Warnsignal, wenn man es noch als solches bezeichnen kann, ist der direkte Angriff. Diesem könnt ihr nur noch versuchen auszuweichen. Bei diesem Angriff geht das Wildschwein mit gesenktem Kopf zwischen die Beine des vermeintlichen Angreifers und schlägt seine Zähne (Hauer) in die Innenseite der Schenkel. Da dort lebenswichtige Blutbahnen verlaufen ist dies der schlimmste anzunehmende Fall, der aber glücklicher Weise sehr selten eintritt.

 

Diese genannten Eskalationsstufen könnt ihr erstens vermeiden und zweitens versuchen zu entschärfen in dem ihr diese Verhaltensregeln beachtet:

 

  • Bei der Bewegung im Wald auf den regulären Wanderwegen bleiben und Querfeldeintouren durch das Unterholz vermeiden.

 

  • Hunde sollten grundsätzlich an der Leine geführt werden. Besonders wenn man Hunde mit ausgeprägtem Jagd- und Suchtrieb hat, sollte dies Beachtung finden. Da mein Hund wie erwähnt ein ruhiger Zeitgenosse ist, verstoße ich immer gegen diese Regel. Das sollte euch jedoch nicht als Beispiel dienen.

 

  • Ihr solltet euch bewusst durch den Wald bewegen, auch auf Warnsignale wie Geräusche und Gerüche achten.

 

  • Trefft ihr auf ein Wildschwein heißt es erst einmal Ruhe bewahren, egal wie schwer es fällt. Bei einem ruhigen und selbstverständlichen Auftreten als Teil der natürlichen Umgebung werdet ihr in den seltensten Fällen als Bedrohung wahrgenommen.

 

  • Hektisches Flüchten oder Verstecken hinter einem Baum ist zwecklos und verunsichert die Tiere eher noch mehr.

 

  • Ein aggressives Vertreiben der Wildschweine durch lautes Rufen oder sogar einen Angriff mit einem Stock ist lebensgefährlich. Zwar kann es funktionieren allerdings ist das Risiko eines Fehlschlages einfach zu hoch.

 

  • Man sollte das Wildschwein auch auf keinen Fall in die Enge treiben sondern ihm durch eigene Ortsveränderung eine Fluchtmöglichkeit/-Richtung „anbieten“.

 

  • Sollten all diese Mittel die Situation noch nicht auflösen muss man sich langsam vom Tier weg bewegen und dabei das Wildschwein immer im Auge behalten.

 

  • Startet das Schwarzwild trotzdem einen Angriff kann man nur versuchen sich auf einen Baum, einen höheren Felsen oder einen Hochsitz zu retten. Glücklicher Weise halten sich die Kletterkünste von Wildschweinen doch sehr stark in Grenzen. ;)

 

  • Durch das schlechte Sehvermögen und ungünstige Begleitumstände wie wechselnde Windrichtungen können die Schweine zwar anwesende Menschen bemerken aber deren genauen Standort nicht lokalisieren. Deshalb kann es passieren, dass sie versehentlich in Richtung des Menschen flüchten und auf diesen zu rennen. In diesen Fällen darf man kurz Krach machen, z.B. durch lautes Klatschen in die Hände, um auf sich aufmerksam zu machen. Im Normalfall wechselt das Wild dann die Richtung. Erkennen kann man diese Situationen meist daran, dass die Tiere noch ein Stück von einem entfernt sind und recht ziellos mit mittlerer Geschwindigkeit laufen. Trotzdem sollte man schon einmal nach dem nächsten erklimmbaren Baum Ausschau halten.

 

Auch wenn Angriffe wie beschrieben sehr selten vorkommen hoffe ich, dass ich euch Tipps mit auf dem Weg geben konnte die euch ein besseres Gefühl im Wald geben. Trotzdem wünsche ich allen sie nie anwenden zu müssen sondern in den Genuss zu kommen, diese sehr friedlichen und schönen Tiere in Ruhe und aus einiger Entfernung einmal beobachten zu können. Dann werdet ihr auch diese „gefährlichen“ Tiere schätzen lernen. Also lasst euch von meinen Schilderungen nicht verängstigen und entdeckt die Natur!

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